Pulse of Nature

Klangbrücken Festival 2019 - Eröffnungskonzert

  • 01.05.19 - 20:00 Uhr, Ballhof I, Hannover
  • Programm
  • Info
  • Steve Reich (*1936)
    Pulse (2015) für Ensemble
    Olivier Messiaen (1908-1992)
    Abîme des Oiseaux (1940/41) für Klarinette
    Johann Sebastian Bach (1685-1750)
    Aria de la Pastorale BWV 590
    Thorsten Encke (*1966)
    Impulse-Motion (2016) für Klarinette (+2 off Klar.)
    Johann Sebastian Bach
    Andante BWV 979 für Klavier
    Steve Reich
    Eight Lines (1983) für Ensemble

    musica assoluta
    Thorsten Encke. Dirigent

  • Steve Reich gilt neben Philip Glass als einer der Begründer der ‚Minimal Music‘. Diese Musikform wiederum ist eine der bedeutenden Stilrichtungen der Moderne des ausgehenden 20. Jahrhunderts – mit deutlichen Einflüssen auf die spätere elektronische Musik und mit Bezügen zur Popularmusik der Zeit. Dieser Musik wird häufig der Vorwurf von „Einfachheit“, „ständiger Wiederholungen“ und „mangelnder Innovation“ vorgeworfen. Reich selbst entgegnet dieser Kritik: „Ich denke, derartige Vorwürfe sind oberflächlich und kommen meist von Personen, die über diese Musik so gut wie gar nichts wissen. (…) Die Musik bedarf derart an rhythmischer Genauigkeit, dass Musiker, die normalerweise Musik der Romantik spielen, es sehr schwer haben. Für meine Musik sind solche Musiker ungeeignet, weshalb ich auch mit niemandem arbeite, der sich normalerweise der Romantik verschrieben hat. Aber jeder, der Minimal Musik je gespielt hat, weiß genau, dass es bei dieser Musik nicht um Wiederholungen geht, sondern um minimale Variationen …“.

    Das Eröffnungswerk ‚Pulse‘ komponierte Reich 1966. Es ist ein treffliches Belegstück der Gattung. Ein durchgehender Pulsschlag bildet das Fundament eines Perpetuums aus leicht melodiösen Basslinien über die sich auf- und abwärtsstrebende gleichförmige Klangkaskaden in einem steten Crescendo ranken. Mündend in einem apokalyptisch dissonanten Fortissimo bricht dieses immer wieder ab und neue Klangkaskaden erneuern sich aus ruhigeren Passagen. Quasi rollierend in stetig leicht sich wandelnden Variationen gleichartiger Figuren entsteht ein Gesamtwerk, das metaphorisch Organismen im steten Werden und Vergehen assoziieren lässt.

    ‚Abime des Oiseaux‘ (Abgrund der Vögel) für Klarinette solo von Olivier Messiaen (1908-1992) ist der dritte von acht Sätzen aus dem ‚Quatuor pour la fin du temps‘ (Quartett für das Ende der Zeit) für Klarinette, Violine, Violonceloo und Klavier. Messiaen vollendete das Werk 1940/41 im deutschen Kriegsgefangenenlager Görlitz, schrieb ‚Abîme des oiseaux‘ allerdings bereits in einem Übergangslager in Toul. Das ‚Quatuor pour la fin du temps‘ wurde vor ca. 400 Kriegsgefangenen im Lager in Görlitz am 15. Januar 1941 uraufgeführt, Messiaen selbst übernahm den Klavierpart. Der Titel des Werkes und seine tonkünstlerische Umsetzung geben den Anschluss zu ‚Pulse‘ Reichs ebenso wie einen kongenialen lautmalerischen Kontrast.


    Johann Sebastian Bachs ‚Pastorale (oder Pastorella) in F-Dur BWV 590 – hier für Klavier - ist eigentlich ein mehrsätziges Werk. Das Werk in Gänze ähnelt in seiner Mehrsätzigkeit einigen Beispielen der zeitgenössischen Konzertliteratur. Die zur Aufführung kommende Aria allerdings erinnert in der zarten Melodieführung an das berühmte Air oder das beliebte Adagio F-Dur – wobei es sich hier durch eine deutlich frohgelauntere Harmonik und seine leichte und spielerische Luftigkeit absetzt und geradezu als Prélude für das folgende Werk Thorsten Enckes ‚ Impulse-Motion‘ verstanden werden könnte.

    Das Andante BWV 979 wiederum ist der vierte Satz einer Bearbeitung des Violinkonzerts in D-moll von Giuseppe Torelli durch Johann Sebastian Bach. Torelli war ein berühmter italienischer Violinist, Pädagoge und Komponist vom Range Arcangelo Corellis misst man ihn an seiner Bedeutung für die Entwicklung des Barockkonzertes und des Concerto Grosso. Das zur Aufführung kommende Adagio weist mit seinen schlichten Akkordzerlegungen und Repititionen einen trefflichen Übergang zur abschließenden Musik Steve Reichs auf. Hier wird der Brückenschlag über die Jahrhunderte für den Hörer erneut erfahrbar gemacht.

    Den Abschluss des Programms bildet ‘Eight Lines’ wieder von Steve Reich. Unter dem Origantitel ‘Octet’ wurde 1979 bei Radio Frankfurt (Hessischer Rundfunk) uraufgeführt. Im Original ist es für Streichquartett, zwei Pianos und zwei Holzbläser mit jeweils Klarinette, Bassklarinette und Flöte sowie Piccoloflöte verfasst. Erst später fügte Reich ein zweites Streichquartett bei, um die Aufführung zu erleichtern und nannte das Werk ‚Eight Lines‘. Die zwei Violinen lösen "the difficulty of playing rather awkward double stops in tune," und die weitere Viola sowie das zusätzliche Cello "allow the rapid eighth-note patterns to be broken up between ... two players" – sie schützen vor Ermüdung (Reich). Das Werk besteht aus fünf Abschnitten. Diese Abschnitte sind mit ihren perpetuierenden Repetitionen derartig miteinander verschränkt und über überlappende Zwischenparts verbunden, dass es schwer wird zu erkennen, wo der eine Abschnitt beginnt und der neue beginnt. 

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  • 01.05.19 - 20:00 Uhr, Ballhof I, Hannover